"Für Schüler, die in Privatquartieren wohnen und deren Quartiereltern sich für die Ferien etwas vorgenommen haben, sind ab Sonntag fünfzehn Uhr Wohn- und Übernachtungsmöglichkeiten in den Klassenzimmern geschaffen. Ich rate keinem, sich zu drücken. Nichtteilnahme gilt als unentschuldigtes Fehlen und führt zu schweren Konsequenzen.“
Wir wussten, dass diese unverblümte Drohung ernst gemeint war.
„Du fährst aber nicht mit dem Fahrrad zurück, “ sagte Ursels Großvater zu mir. “ Sonst bist du morgen wieder krank.“ „Ich muss, ich habe kein Geld für den Zug.“
„Ich weiß, Ursel
hat uns schon erzählt, was du deiner Mutter angetan hast. Junge,
Junge, das macht man doch nicht.“
Er drückte mir 20 Mark in
die Hand.
Später erzählte mir Ursel, dass sie es den Großeltern erzählt habe, weil sie wusste, dass ich dann Geld für die Rückfahrt von ihnen bekomme.
„Hätte das nicht geklappt, dann wärst du trotzdem nicht mit dem Fahrrad gefahren. Mein Taschengeld ist reichlich und Oma und Opa steuern ohne Wissen der Eltern noch immer etwas dazu.“
Die Bahnfahrt
verlief problemlos, in Ganzlin mussten wir umsteigen. Der
Schaffner und gleichzeitig Rangiermeister des Röbeler Zuges, ein
älterer Königsberger Ostpreuße, sein Name war Heiner, so nannten
ihn alle Röbeler, sagte in seinem typischen Königsberger
Ostpreußendialekt zu mir:
„Na Jungchen, einen Ferienausflug
gemacht?“
Unsere Familien hatten sich in Röbel kennen gelernt und dabei festgestellt, dass wir in Königsberg nicht weit auseinander wohnten.
„Ja, aber Muttern hat nichts davon gewusst, ich war drei Tage unterwegs.“
„Na, dann kriegst du zu Hause bestimmt Ärger.“ Wie Recht er hatte. Als wenn Heiner ahnte, dass ich schnell zu Hause sein wollte, er rangierte nur einmal kurz in Dambeck und der Zug war fast pünktlich in Röbel.
Ich brachte Ursel noch nach Hause, denn trotz meiner Anspannung, was zu Hause wohl passieren würde, ließ ich mir das nicht nehmen. Ich radelte so schnell ich konnte nach Hause. Die Haustür war schon verschlossen, aber im Wohnzimmer brannte noch Licht und das Fenster war geöffnet.
„Mama“, rief ich.
Meine Mutter
schaute aus dem Fenster und sehr energisch sagte sie:
„Komm
du mir nach oben, da setzt es was!“
Sie warf dabei den Haustürschlüssel in den Vorgarten. Fahrrad schnell in den Keller, dann nach oben und tatsächlich stand sie mit einem Riemen in der Hand da. Ich brachte mich hinter dem Wohnzimmertisch in Sicherheit. Meine Mutter litt damals schon schwer an Rheumatismus, konnte sich nur schlecht bewegen. Trotzdem versuchte sie, mich zu greifen. Eine Weile rannten wir um den Tisch.
„Mama, ich bin siebzehn, du willst mich doch nicht etwa noch schlagen?“
Sie ließ sich auf einen Stuhl fallen und begann bitterlich zu weinen. Mir ging das durch Mark und Knochen, sie tat mir so leid und noch heute läuft mir ein kalter Schauer über den Rücken, wenn dieses Bild vor mir erscheint.
„Ach Eberhard“, schluchzte sie, „ich habe mir Sorgen gemacht, dir könnte etwas passiert sein. Mach niemals wieder solche Sachen mit mir. Von der Polizei wollte ich dich suchen lassen!“ Ich versprach es.
Mit meiner Mutter habe ich mich sehr gut verstanden, ähnliche Vorkommnisse hat es nie wieder gegeben.
Ende
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