Die letzte Begegnung
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Im Mai 1955 hatte ich mich entschieden, die Offizierslaufbahn einzuschlagen. Diesen Schritt habe ich später sehr oft bereut, denn der Dienst bei der Kasernierten Volkspolizei und späteren NVA veränderte mein Leben entscheidend negativ. Es war damals gerade der Zeitpunkt, wo junge Mitglieder und Kandidaten der SED massiv bearbeitet wurden, den Dienst mit der Waffe zum Wohle des DDR-Vaterlandes gegen den bösen Westen aufzunehmen. Es reizte auch das Angebot, die Prüfungen sofort abzuschließen und es leichter zu haben, als bei den normalen Prüfungen. Die Prüfungen waren überstanden, die Zeugnisse ausgehändigt. Ende Mai ging es ab nach Drögeheide zur Grundausbildung. Wir jungen „Freiwilligen“ wurden auf einen Polizei -LKW verladen und ab ging es nach Torgelow.

Ursel wollte zur Verabschiedung da sein, doch sie hatte verschlafen und der LKW war schon im Anfahren, als sie doch noch erschien, aber nur winken konnte. Am Abend vorher hatte Ursel die Erlaubnis erhalten, länger weg zu bleiben und wir nutzten die Zeit für einen ausgedehnten Spaziergang von der Altstadt in die Neustadt, durch die Mirower Straße, bogen kurz vor der Landstraße in Richtung Neustrelitz rechts ab. Dort begannen ausgedehnte Rinderweiden. Als ich sicher war, dass wir weit genug von der Stadt entfernt waren und uns hier niemand mehr beobachten konnte, breitete ich meinen hellen Trenchcoat, damals sehr modern, auf dem Rasen aus und wir ließen uns darauf nieder. Ich hielt Ursel ganz fest in den Armen und immer wieder küssten wir uns. Mein rechter Arm löste sich vom Hals meiner Ursel und ich begann, ihren ganzen Körper zitternd abzutasten.

„ Darf ich?“ kam es stammelnd über meine Lippen. Sie wusste wohl nicht, was ich wollte.

„ Was denn?“ fragte sie zurück. Oh Gott, stellte ich mich blöd an. Es blieb an diesem Abend beim Betasten, denn ich hatte offensichtlich große Angst vor dem was ich mir so sehr wünschte. Es war gut so, denn erst viel später wurde mir klar, dass es an diesem Abend nicht geklappt und ich mich unsterblich blamiert hätte, wäre es dazu gekommen. Um vierundzwanzig Uhr brachen wir auf, denn ich musste um sechs Uhr auf dem Marktplatz und Ursel wollte zur Verabschiedung da sein. Wir waren schon in der Hohen Straße, als Ursel mich so fragend von der Seite anblickte.

„ Eberhard, das stinkt hier aber. Bin ich irgendwo rein getreten?“

Sie hob ihre Füße und betrachtete ihre Schuhsohlen. Da ich den Gestank auch schon bemerkt hatte, tat ich es ihr gleich. An den Schuhsohlen war nichts. Meinen Trenchcoat trug ich mit dem Innenfutter nach Außen über den linken Arm. Mich fröstelte etwas und ich wollte den Mantel anziehen, da sah ich plötzlich die Bescherung. Das ganze Rückenteil war voller Kuhkot. Obwohl ich so sehr darauf geachtet hatte, als ich den Mantel auf der Wiese ausbreitete, einen Kuhfladen hatte ich übersehen. Ich wollte den Mantel gleich wegwerfen, doch Ursel hinderte mich daran.

„ Das lässt sich doch reinigen“, meinte sie.

Ich glaubte ihr und drehte das Innenfutter wieder nach Außen. Bis vor ihrem Haus haben wir mehrmals über die Sache lachen müssen. Den Mantel habe ich trotzdem nie wieder getragen, denn trotz Reinigung blieb ein leichter grüner Fleck auf dem Rücken. All das ging mir während der Fahrt durch den Kopf.

Ich achtete kaum auf die Gespräche der anderen „Freiwilligen“ und wir erreichten Torgelow. Dort war Sammelpunkt. Von hier ging es in die umliegenden Kasernen, nach Eggesin, Drögeheide, einige blieben in Torgelow.

Mich ereilte Drögeheide. Der Name sagt es schon, furchtbar trockene Heide, Sand, Sand und nochmals Sand von spärlichem, ausgedörrtem Gras überwuchert. Sechs Wochen sollte ich hier verbringen, sechs Wochen, die zur Qual wurden. Und in den sechs Wochen keine Heimfahrt, Ausgang nur in Begleitung und in der Gruppe. Ich wusste da noch nicht, dass aus den sechs Wochen vier Monate wurden, denn bei der Werbung für die Offiziersschule hatte man wohlweislich verschwiegen, dass das neue Studienjahr auch an Offiziersschulen erst im September begann.

Dennoch gab es einen Lichtblick, ich kam nicht in einen dieser Schlafsäle, wo bis zu 40 Personen untergebracht waren, ich erwischte ein Zimmer für vier Personen, zwei Doppelstockbetten, Nachtschränke, Tisch mit vier Stühlen und 4 Kleiderschränken. Beim Stubendurchgang vor Beginn der Nachtruhe hatte ich aber das erste Mal die unfreundliche Stimme eines Wachtmeisters zu spüren bekommen. Ursels Bild hatte ich in einem Rahmen auf meinen Nachtschrank positioniert.

„ Genosse Polizeianwärter, was soll denn das?“ herrschte mich der Wachtmeister an.

„ Das ist zwar ein hübsches Mädchen, aber solche Sachen fangen wir erst gar nicht an. Privates Zeug gehört nicht auf und in die Schränke, sondern in ihren Koffer in der Effektenkammer. Verstanden?“

Ich hatte verstanden. Der erste Tag danach brachte dann die nächste Überraschung. Wir waren gerade beim Exerzieren „links, links, links, links, rechts“, als es plötzlich hieß:“

 "Gruppe halt!“
„ Genosse Polizeianwärter Mehl, vortreten.“
Was ist denn nun los, dachte ich, was habe ich falsch gemacht?