Die letzte Begegnung
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„ Eberhard, der Stationsarzt und ich haben entschieden, dass du nach Ende der Besuchszeit noch eine halbe Stunde bei deiner Freundin bleiben darfst. Lass aber bitte erst die Besucher der anderen Patienten das Krankenzimmer verlassen.“

Aus der halben Stunde wurden dann zwei Stunden, bis ich freundlich aufgefordert wurde, zu gehen.
Am Montag ging es zurück in die „trockene Heide“, so nannte nicht nur ich Drögeheide. 

Der Monat August war angebrochen, am zwanzigsten August sollte es nach Dresden gehen. Ab dem 15. hatte ich nur noch mit packen zu tun, denn ich musste neben meinen persönlichen Sachen auch Feldgepäck mitnehmen, so nannte man das. Ich erhielt einen Marschbefehl und mit dem Zug ging es nach Dresden.

Ich war nun schon über ein Jahr in Dresden. Trotz der starken Zerstörungen dieser Stadt durch die sinnlosen Bombenangriffe im Februar 1945, als das Ende Hitlerdeutschlands schon abzusehen war, gefiel mir diese Stadt. Ich nutzte jede Gelegenheit bei Ausgängen, mich mit der Stadt vertraut zu machen, ging zu Konzerten, besuchte das Theater und einige Veranstaltungen im Großen Garten. Trotzdem fühlte ich mich als Offiziersschüler nicht wohl. Ein Ereignis hatte wesentlich neben dem Drill dazu beigetragen. Im Oktober gab es einen Stubendurchgang kurz vor Beginn der Nachtruhe durch den Spieß. In seiner Begleitung befand sich der Oberfeldwebel des Medizinischen Dienstes. Als der Feldscher vor meinem Bett stand, herrschte er mich an:
„ Hosen runter, Vorhaut zurückziehen!“

Mir wurde glühend heiß im Gesicht, ich wusste aber, dass ich gehorchen musste.

„ Mann, sie können doch noch nie mit einem Mädchen geschlafen haben, das ist ja eine starke Phimose.“
Meine anderen drei Kameraden lachten.

„ Da gibt es nichts zu lachen“, schrie er in den Raum und mir zugewandt sagte er:
„ Melden sie sich morgen um sechzehn Uhr bei mir im Revier", so nannte man das Gebäude, in dem sich Arztzimmer und einige Krankenzimmer befanden.

Ich hasste diesen Mann, ohne zu ahnen, dass seine Umsicht mir wenige Monate später das Leben rettete. Ich hatte meinen Spitznamen weg, an der ganzen Schule wurde ich Phimose genannt, sogar die Offiziersschüler der Volkspolizei, mit denen wir auf dem gleichen Kasernengelände einige Räume gemeinsam nutzten, nannten mich so. Die Hänseleien waren nicht zu ertragen. Auf alle Fälle wurde aber die Phimose operativ beseitigt. Mit Ursel hatte ich nur noch brieflichen Kontakt, denn wenn ich nach Hause in den Urlaub fuhr, konnte sie nicht da sein, weil sie inzwischen in Schwerin ein Lehrerstudium aufgenommen hatte.

Im Februar 1956 ging es ins Winterlager, Übernachtung in Zelten. Schon nach zwei Tagen hatte ich mich erkältet und wurde mit dem Sanka zurück nach Dresden gebracht. Zwei Tage im Revier, da war das Fieber vorbei, ich brauchte aber nicht mehr ins Winterlager, sondern wurde zu Sonderdiensten in der Kaserne eingeteilt. An einem Freitag hörte ich über den Geländelautsprecher:
„ Genosse Offiziersschüler Mehl, sie haben einen dringenden Anruf aus Schwerin, kommen sie sofort in das Wachgebäude.“

Schwerin, das konnte nur Ursel sein.
„ Was hältst du davon, wenn ich heute Abend nach Dresden komme und bis Sonntag bleibe? Kannst du mir eine Unterkunft besorgen?“

Ich sagte zu, obwohl ich nicht mal wusste, ob ich Urlaub bekomme. Das Gespräch wurde teilweise von dem Feldscher, der sich gerade im Wachgebäude befand, mit verfolgt. Obwohl ich diesen Mann noch immer hasste, er sorgte dafür, dass ich um sechzehn Uhr einen Urlaubsschein für einen Stadturlaub bis zum Sonntagabend erhielt. Schnell in die Stadt, bei Bekannten für Ursel Übernachtungsmöglichkeiten besorgt, ins Theater, für Sonnabend Karten für den Götz von Berlichingen ergattert und für 23 Uhr einen Tisch im Theatercafe bestellt, Ursel vom Bahnhof abgeholt, sie in die Unterkunft geschafft und zurück in die Kaserne, denn nur Sonnabend durfte ich die ganze Nacht wegbleiben.

Am Sonnabend im Theater kam dann die Bescherung. Mir wurde plötzlich ganz heiß, das letzte was ich merkte, mir entwich ein Wind und ich fiel zur Seite.

Im Krankenrevier der Kaserne wachte ich wieder auf, Ursel saß an meinem Bett, über meinen Körper ein Lichtkasten, der mich wärmen sollte, weil ich so fror.

Um zweiundzwanzig Uhr war Schichtwechsel, mein „Freund“, der Feldscher, übernahm den Dienst. Er mich sehen, den Lichtkasten heruntergerissen, Sanka angerufen und ab ins Neustädter Krankenhaus.

Auf der Fahrt verlor ich das Bewusstsein. Ich kam auf die Intensivstation, wurde sofort punktiert, denn das sich im Brustkasten ansammelnde Wasser drohte mein Herz zu ertränken.

Später erzählte mir Schwester Ruth, dass der Feldscher mir durch sein schnelles Handeln das Leben gerettet habe, denn fünf Minuten später wäre ohne ärztliche Hilfe Exitus eingetreten.

Ursel war am Nachmittag zurück nach Schwerin gefahren. Damals ahnten wir beide noch nicht nicht, dass es unsere letzte Begegnung sein würde. Wir haben uns noch oft verabredet, aber immer wieder verpasst.

Ich blieb drei Monate im Neustädter Krankenhaus, aus der feuchten Rippenfellentzündung hatte sich eine Lungentuberkulose entwickelt.

Neun weitere Monate verbrachte ich in der Heilstätte Königsbrück, dann wurde ich aus der NVA als dienstuntauglich entlassen.

Mein letzter Versuch, mit Ursel wieder in Kontakt zu kommen, ich bewarb mich zum Studium am gleichen Institut, an dem sie studierte. Die Aufnahmeprüfung bestand ich mit Bravour. Doch als ich am ersten September durch den Hörsaal blickte, konnte ich keine Ursel entdecken. Ich erfuhr dann noch am gleichen Tag, dass sie das Studium geschmissen hatte. 

Ende

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