Geküsst habe ich im Tagebuch wirklich unterstrichen und größer als die anderen Worte geschrieben. Ich lasse jetzt mal einige Jahre aus und komme auf Tagebucheintragungen zurück, die ich in Dresden vor meiner Erkrankung gemacht habe und die durch einen Zufall nicht konfisziert wurden. Ich weiß nicht warum, aber plötzlich schrieb ich keinen Tag mehr ins Tagebuch, nur noch den Monat. Dadurch waren die Einträge manchmal sehr lang, denn ich setzte sie einfach fort. Ein Eintrag kann also mehrere Tage oder vielleicht sogar Wochen betragen. Im November 1956 steht folgender Satz:
War heute das erste Mal mit einigen meiner Kameraden zum Tanzen. Habe ein Mädchen kennen- gelernt. Wir wollen uns wieder treffen.“
Weiter unten steht:
„ Habe Zivilklamotten zu Barbara geschafft. Wir wollen mal in eine Gaststätte gehen, die für Soldaten verboten ist.“
Und nach einigen weiteren Sätzen steht:
„ War das peinlich, auf der Toilette spricht mich ein Mann an. Ich habe sie nicht gesehen, aber machen sie das nicht noch einmal, dann muss ich Meldung erstatten. Der Mann war mein Hauptfeldwebel.“
Er hat keine Meldung erstattet, nahm mich aber am nächsten Tag ins Gebet. In Zivil bin ich trotzdem immer wieder gegangen, denn mir war es leid, vor jedem höheren Dienstgrad salutieren zu müssen, sogar vor den Rotarmisten. Das mit meiner erkannten Phimose war schon passiert und ich fühlte mich nicht mehr wohl. Obwohl ich schon operiert war, die Lästerungen hörten nicht auf. Hinzu kam noch der preußische Drill, den mein sensibles Gemüt überhaupt nicht vertrug. Ich erwähnte schon in einer meiner Kurzgeschichten, dass ich Kandidat der SED war. Die Kandidatenzeit von zwei Jahren war abgelaufen und ich sollte in die Partei aufgenommen werden. Die Kandidatenkarte war grau und so glaube ich mich erinnern zu können, dreiteilig zusammenklappbar. Wir mussten sie in einem Brustbeutel am Körper tragen. Ich wollte auf keinen Fall in die Partei als Mitglied aufgenommen werden. Ich überlegte, was ich machen könnte, um die Aufnahme zu verhindern. Folgender Eintrag steht dazu in meinem Tagebuch:
„ Es waren nur wenige Minuten, aber mir kam es nach der Tat wie Stunden vor. Ich war auf Toilette, da ist man ungestört, kann seinen Gedanken nachhängen. Ich habe meine Kandidatenkarte zerrissen und die Fetzen samt Beutel runtergespült.“
Dieses Tagebuch habe ich Weihnachten 1956 zum Glück mit nach Hause genommen und dort dann liegen lassen. Es wurde nicht in meinem Koffer im Effektenkeller gefunden. Es hätte wohl das Aus in meiner Kariere bedeutet. Den Verlust der Kandidatenkarte musste ich natürlich melden, sagte, ich hätte sie verloren. Die Aufnahme als Parteimitglied wurde für ein halbes Jahr verschoben. Die Ereignisse überstürzten sich dann, es kam das Winterlager, meine zunächst leichte und dann die schwere Erkrankung. In der Kaserne wurde der Effektenkeller für andere Zwecke gebraucht. Die öffneten einfach meine Koffer und fanden zwei Tagebücher. Sie wurden eingezogen, ich sah sie nie wieder. Sie bewirkten aber die Streichung meiner Kandidatur.
Ende
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