Hurra, heut Nacht wurd ich Papa!
Ein wundersamer Traum

Mai 1959, ich studiere in Schwerin am Lehrerinstitut, wohne im Internat und bin seit fünfeinhalb Monaten verheiratet. Meine Frau ist hoch schwanger und wird noch in diesem Monat entbinden. Heute habe ich meine erste Unterrichtsstunde gehalten und der Dozent hat sie in der Nachbereitung zerpflückt, kein gutes Haar an der Stunde gelassen. Meine Kommilitonen, die in der Stunde hospitierten, fanden sie gar nicht so schlecht.

„Mach dir nichts draus, Eberhard“, sagte Regina zu mir. Sie ist Schwerinerin und wohnt daher nicht im Internat. Auf dem Weg ins Internat redeten alle auf mich ein, versuchten mich zu trösten.

„Komm mit auf den Sportplatz, wir spielen eine Runde Federball“, meint mein Zimmerkollege Werner, „das lenkt dich bestimmt ab und lässt dich den Vormittag vergessen.“

Ich überlege, dann raffe ich mich auf und gehe mit hinaus. Auf dem Platz, der sich gleich hinter dem Internat befindet, beschäftigen sich schon viele Kommilitonen auch aus anderen Studienjahren mit den verschiedensten Sportarten, Handball, Laufen, Springen und eben auch mit Federball. Wir werden mit einem großen Hallo begrüßt, viele unterbrechen ihr Training und kommen auf mich zugerannt. Es hat sich herumgesprochen meine Niederlage und jeder bemitleidet mich.

„Mach dir nichts draus, mir ging es bei meiner ersten Stunde nicht anders“, meint Harald, er ist schon im letzten Studienjahr und macht gerade seine Prüfungen zum Staatsexamen.
„Der Mechner ist sowieso ein scharfer Hund.“

Mich fröstelt es und am ganzen Körper spüre ich ein unbeschreibliches Jucken. Dabei ist es ein schöner warmer Maitag.

„Ich habe jetzt keine Lust über die Stunde zu diskutieren“, unterbreche ich den Redefluss der anderen „ich will mich jetzt mit Federball ablenken. Macht’s gut!“

Ich suche auf dem Platz ein noch freies Plätzchen, Werner und ich beginnen zu spielen. Das Jucken am Körper wird immer stärker, ich kratze mich immer wieder.

„Was hast denn du da?“ fragt mich Werner und zeigt auf meine Arme. Ich schaue auf meine unbedeckten Arme und sehe große dicke rote Pusteln. Ich ziehe das Hemd aus, der ganze Körper ist damit bedeckt. Wir brechen unser Spiel ab und ich gehe zu Frau Schuster, sie ist die Frau des Internatsleiters und betreut kranke Kommilitonen.

Sie nimmt sofort den Telefonhörer, ruft den Arzt an und der Arzt will mich sehen. In Begleitung von Werner und einer Kommilitonin legen wir den kurzen Weg zum Arzt zurück.

„Herr Mehl, Sie haben Nesselfieber, dass können wir nicht ambulant behandeln, sie müssen sofort stationär in die Hautklinik," sagt es, greift zum Telefon und ruft einen Krankenwagen.
Gleich von der Praxis aus werde ich in die Klinik gefahren.

In der Klinik wird der ganze Körper mit Zinkoxidsalbe bedeckt, auch das Gesicht, nur die Augen und die Haare bleiben frei, alles wird verbunden, so wie der Arm oben auf dem Bild, ist alles eingewickelt. Das geschieht nun mehrmals täglich, dazu noch Tabletten und irgendwelche Spritzen.

Da ich nachts nicht schlafen kann, habe ich mich schnell mit der Nachtschwester Maria angefreundet. Auch wenn es verboten ist, ich darf ab und an im Schwesternzimmer eine rauchen und bekomme auch eine Tasse Bohnenkaffee angeboten. So ist es auch am 25. Mai.

Gegen 23 Uhr gehe ich dann schlafen. Welch ein Wunder, ich schlafe sofort ein. Ich habe dann einen wundersamen Traum. Im Traum sehe ich meine hochschwangere Frau auf das Röbeler Krankenhaus zulaufen, kurz bevor sie es erreicht, fängt das Krankenhaus sich an zu drehen und ich wache auf. Sofort laufe ich in das Schwesternzimmer.

„Schwester Maria, ich bin gerade Vater geworden“, es ist 1:45 Uhr.
Entgeistert schaut sie mich an.

„Herr Mehl, Sie spinnen, ab ins Bett!“

Ich erzähle ihr dennoch schnell von meinem Traum.
„Ich glaube an so etwas nicht“, meint sie und ich muss ins Bett. Früh, als die Stationsschwester in das Zimmer kommt, sage ich auch zu ihr:
“ Heute Nacht bin ich Vater geworden."

Auch sie lächelt nur über meinen Traum. Noch vor dem Mittagessen muss ich ins Stationszimmer ans Telefon, ein Anruf vom Röbeler Krankenhaus.

“Wir geben sonst keine Nachrichten per Telefon, aber da Ihre Frau uns sagte, Sie lägen im Krankenhaus, teilen wir Ihnen mit, dass Sie heute Nacht um 1:30 Uhr Vater einer Tochter geworden sind. Sie wiegt 6 Pfund und ist 56 cm groß und gesund.“

„Na Schwester, was habe ich Ihnen heute früh gesagt? Ich bin Vater!“
Unglaubliches Staunen.

Als Nachtschwester Maria ihren Dienst antritt sagt sie nur:
“ Es ist nicht zu fassen, der Mann hat es mir schon kurz nach der Geburt seiner Tochter heute Nacht gesagt.“ Der Stationsarzt, der bei dieser Bemerkung dabeisteht, schüttelt ungläubig den Kopf.

Leider hatte ich nie wieder solche präzisen Träume.

Ende

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