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"Ich könnte euch jetzt einen Vortrag halten, aber ich muss mir die ganze Sache erst noch einmal überdenken. Du Wolfgang verlässt jetzt unser Lager und auch dich möchte ich heute hier nicht mehr sehen. Was morgen ist, überlege ich mir noch!"

"Sei nicht zu streng mit ihnen, Eberhard, als wir so alt waren, haben wir bestimmt auch nicht alles so gemacht, wie die Erwachsenen es wollten."
Herr M. beginnt laut zu lachen.

"Warum lachst du jetzt? Habe ich etwas falsches gesagt?"

"Nein Helga, du hättest erst auf der Brücke sein sollen, da ist dem Michael ein Versprecher herausgerutscht, ich hätte beinahe da gelacht."

"Ich bin neugierig, erzähle doch!"

"Ich erzähle dir nach dem Abendbrot davon, wir gehen dann mal zusammen auf die Brücke, da muss ich dir mal einen Landstrich gleich gegenüber von der Brücke zeigen."

Das Abendbrot ist vorüber, die Kinder sitzen vor ihren Zelten, spielen "Schiffe versenken", "Dame oder Mühle", "Mensch ärgere dich nicht" oder lesen.

"Sieh mal Helga, dort drüben wo der einzelne Baum steht, das ist eine Halbinsel und die heißt genau wie die Stadt Schwerin. Diese Halbinsel ist Vogelschutzgebiet und darf leider mit ganzen Gruppen nicht betreten werden. Michael wollte unseren Zöglingen diese Insel zeigen und als ich ihn fragte, wo sie jetzt herkommen sagte er sinngemäß, vom reinsten Vögelparadies."

Frau K. hat sofort begriffen und lacht lauthals.
"Und was machst du jetzt mit Michael und Wolfgang?" Noch immer lacht Frau K. verschmitzt.

"Wir sind noch 4 Tage hier und soll der schöne Urlaub für die Kinder einen schlechten Ausgang haben? Ich könnte mir das nie verzeihen. Aber zur Brust nehme ich sie mir alle fünf noch mal."  

Die Heimfahrt nach Leipzig beginnt mit reichlich Tränen. Michael liegt abwechselnd in den Armen von Christa, Randolf und Jutta und schließlich sind auch Frau K. und Herr M. an der Reihe, Wolfgang hält seine Jutta ganz fest. Auch die übrigen Kinder werden von Röbeler Freunden verabschiedet, doch diese Freundschaften halten nicht so lange wie die von Randolf, Michael, Christa, Jutta und Wolfgang.

In den Herbstferien ist Michael das erste Mal in Leipzig bei Randolf zu Besuch. Sie besuchen auch Herrn M. Herr M. ist noch mit seiner ersten Frau verheiratet. Die Frau kennt die Familie S., denn sie ist auch echte Röblerin. Sie belegt Michael die ganzen zwei Stunden mit ihren Fragen nach diesem oder jenem aus Röbel. Abwechselnd halten Randolf und Michael ihre Hände oder streichen zärtlich darüber.

"Die sind doch schwul, du solltest es ihren Eltern sagen, das ist krankhaft," meint sie, nachdem beide die Wohnung verlassen haben. Auch Herr M. hat natürlich die Zärtlichkeiten der beiden bemerkt, erwidert jedoch:
"Ich glaube du spinnst wieder einmal. Die freuen sich nur, dass sie sich endlich wieder sehen, zwei Monate sind nämlich manchmal eine lange Zeit."

Gedanken macht er sich natürlich trotzdem, ist aber nicht beunruhigt. Jeder soll nach seiner Fasson leben und wenn ein Mann einen Mann liebt, dann kann man daran nichts ändern. Das ist seine Auffassung. Sollte er aber vielleicht doch mit beiden reden? Auf keinen Fall mit den Eltern der Beiden, dass ist ganz allein Sache von Randolf und Michael. Und krankhaft? Die spinnt wieder einmal, denn das haben inzwischen auch Ärzte in der DDR festgestellt. Sicher ist sich Herr M. aber da nicht. Am nächsten Tag kauft er sich das "Neue Ehebuch", da soll auch etwas über Ersatzformen der Liebe darin stehen, andere Literatur gibt es nicht. Und tatsächlich, er findet längere Ausführungen in dem Buch über die homosexuelle Liebe. Sie ist nicht krankhaft, es ist keine Hormonstörung, wie viele immer noch glauben, wenn überhaupt, ist es eine Veranlagung. Am Abend fordert er seine Frau auf, diesen Teil des Buches bitte genau zu lesen.

"Mir ist das Schnurzpiepe, ich will die Beiden hier auf alle Fälle nicht mehr sehen."

"Das musst du schon mir überlassen, du weißt doch, dass ich mir nichts von dir vorschreiben lasse wie ich dir auch nichts vorschreibe."
Das Thema ist damit beendet und keiner von Beiden kommt je wieder auf das Thema zu sprechen.

  Ostern 1965, Michael ist wieder in Leipzig. Randolf hat Herrn M. auf dem Schulhof vor Beginn der Ferien gefragt, ob sie ihn wieder an einem Abend besuchen können.

"Kommt am Nachmittag, ich möchte gerne mit euch sprechen und will meine Frau aber nicht dabei haben."

Als die Beiden da sind, geht Herr M. sofort in die Offensive.

"Randolf, du bist noch 1 Jahr 3 Monate mein Schüler, wenn es so sein sollte, was ich jetzt feststellen werde, dann antworte bitte weder mit Nein noch mit Ja, ich darf als dein Lehrer leider nichts davon wissen. Ich glaube, ihr habt eine homosexuelle Beziehung. Mir ist das auch egal, ich mag euch trotzdem, aber leider ist das ein Tabuthema. Wenn es aber so ist, wie ich vermute, dann solltet ihr versuchen, euch euren Eltern anzuvertrauen. Und bitte, bitte noch eins, wenn meine Frau nach Hause kommt und ihr seid noch da, tauscht keine Zärtlichkeiten aus. Auch ich dürfte es eigentlich nicht sehen."

Beide halten schon wieder ihre Hände. Sie lassen sich sofort los.

"Versprochen," kommt es gleichzeitig aus dem Mund der beiden Jungen. Später wird sich Herr M. sehr oft Vorwürfe machen, hätte er vielleicht den traurigen Ausgang aufhalten können?

Zuerst macht Frau M. ein langes Gesicht, doch da die beiden Jungen sich in ihrer Gegenwart mit ihren Augen gesehen ganz normal benehmen, gewinnt ihre Neugierde die Oberhand und Michael muss wieder tausend Fragen nach Röbelern beantworten. Er tut es mit viel Geduld, Höflichkeit und auch lustigen Bemerkungen. Ein guter Beobachter, und das ist Herr M., merkt natürlich trotzdem die Zwanghaftigkeit und übersieht auch nicht den Austausch zärtlicher Blicke.

Die Jahre sind vergangen, Michael kommt viel lieber nach Leipzig, als das Randolf nach Röbel fährt. In Leipzig kann man sich sich besser verstecken, da fällt es eben doch nicht so schnell auf, wenn zwei Jungen umschlungen durch die Stadt trampen. In Röbel beginnt eben gleich das Tuscheln, es ist ja auch nur eine kleine, zwar sehr idyllische, Ackerbürgerstadt.

Bei seinem letzten Besuch im März 1967 in Röbel hat Herr M. Michael getroffen. Michael lädt ihn zu einem Gläschen Bier in das Müritzcafe ein. Michael strebt sofort auf einen Tisch für zwei Personen zu.

 "Ja, wir lieben uns, der Randolf ist jetzt 17 und ich bin 18. Beide haben wir oft versucht, mit unseren Eltern zu sprechen, doch wir treffen auf taube Ohren. Wir wissen fast nicht mehr ein noch aus. Der Christa haben wir es aber gestanden, Sie Herr M. und Christa sind die einzigen, die uns nicht verurteilen."

Ist das ein Hilferuf? Herr M. kämpft mit sich, hat aber im Moment selbst viele Probleme, seine Ehe ist am Ende, es kann nicht mehr lange dauern. Er schiebt erneut die Gedanken weit von sich mit dem Satz:
"Ihr müsst es immer wieder versuchen, mit ihnen zu sprechen."

Man verabschiedet sich und wird sich nie wieder sehen. Im August fährt Randolf das letzte Mal nach Röbel. Beider Entschluss steht schon fest, Randolf wird nicht mehr nach Leipzig zurück kehren. Er hat in Leipzig Tabletten besorgt. Wenn es in diesem Urlaub nicht gelingt, zumindest die Mutter von Michael auf ihre Seite zu ziehen, dann wollen sie Schluss machen. Gleich am ersten Tag des für 14 Tage geplanten Urlaubs beginnt Michael mit seiner Mutter in Gegenwart von Randolf das Gespräch.  

"Mutti, was würdest du sagen, wenn Randolf und ich ein Paar sind?"

"Das ist doch schön, dass eure Freundschaft einen so langen Bestand hat."

"Du verstehst mich nicht. Ich habe mit anderen Worten eben versucht zu sagen, Randolf und ich lieben uns!"

"Junge, das will ich nicht gehört haben, und ich hoffe nur, dass es nicht so gemeint war. Und fange ja nicht mit deinem Vater darüber an zu sprechen. Wenn es aber wirklich so ist, dann bist du nicht mehr unser Sohn."

Frau S. steht auf und verlässt das Zimmer. In den nächsten Tagen besuchen Randolf und Michael alle Plätze, an denen sie viele Stunden gemeinsam verbracht haben.

"Hier stand unser Zeltlager Michael, hier hat alles begonnen."

Sie fahren hinüber zur Halbinsel, dort ziehen sie sich nackt aus und legen sich in das hohe Gras. Es duftet nach Heu. Sie lieben sich.

Am nächsten Tag fahren sie mit den Fahrrädern zur "Kroneiche" und weiter zum "Gliensee". Dort nehmen sie völlig unbekleidet ein kühles Bad, denn heute stört sie das Schild
"Baden nur auf eigene Gefahr!" nicht.

Sie erklimmen danach die Hermeshöhe und laufen wie vor drei Jahren den ausgewaschenen Weg wieder zum See hinunter.

Der "Nitscho" ist nun noch für ein paar Tage ihr Domizil. Viele schöne Stunden verbringen sie auch hier und mit Röbeler Freunden machen sie wieder einmal eine kleine Müritzrundfahrt. Morgen ist der Urlaub von Randolf zu Ende. Am Abend gehen sie in die Discobar hinter der Gaststätte "Müritzanker" und betrinken sich.

Zu Hause, die Eltern schlafen schon, schließen sie das Zimmer ab und nehmen die Tabletten.

Ende September stehen Herr M. und Frau K. am Grab von Randolf.

Randolf hat eine weltliche Beerdigung, denn sein Vater ist Offizier der NVA.

Frau K. weint bitterlich, Herrn M. laufen die Tränen die Wangen herunter. Hätte er diesen Ausgang verhindern können?

Er fragt es sich heute noch.

Ende

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