![]() |
Mai 1985, Eberhard kommt gerade vom Arzt, sein linker Unterarm liegt vom Ellenbogen abwärts in Gips. Er hat sich vor einigen Tagen eine Knochenabsplitterung zugezogen und ist arbeitsunfähig geschrieben. Eberhard arbeitet in leitender Stellung in einer Großgaststätte Leipzigs, ist dort für alle ökonomischen Abläufe verantwortlich. Trotz seiner Arbeitsunfähigkeit hat er sich Arbeit mit nach Hause genommen. Es ist fast Monatsende und die Lohnabrechnung für den Monat Mai muss für über 100 Mitarbeiter vorbereitet werden. |
Doch in den nächsten Stunden kommt er nicht dazu, daran zu arbeiten. Er hat seine Wohnung gerade betreten, als es an der Wohnungstür klingelt. Der Briefträger hat ein Einschreiben für ihn, der Brief kommt von seinem Bruder Heinz aus Bellheim in Rheinland-Pfalz. Der Brief enthält eine amtsärztliche Bescheinigung über die Krebserkrankung seines Bruders. Eberhard zittert, wird man eine Reise genehmigen? Er ist geschieden, lebt alleine, keine gute Voraussetzung für eine Reise in den Westen. Doch hat er Hoffnung, er ist Stadtbezirksabgeordneter von Leipzig Südost für die LDPD und auch von der Arbeitsstelle wird er wohl ein gutes Zeugnis erhalten. Eberhard gehört in der DDR zu den glücklichen, die Telefonanschluss haben, er muss auch nachts erreichbar sein, das hatte ihm die Arbeitsstelle bestätigt und das ist eine der Voraussetzungen, eine der Mangelleitungen zu erhalten. Hinzu ist noch gekommen, dass er einen guten Draht zum Justitiar der Gaststättenorganisation hat und der wieder einen Draht zur Vergabestelle der Telefonleitungen, also klappte es.
Er ruft die
Passstelle an, schildert der freundlichen Dame sein Anliegen und
die sagt:
"Wenn Sie innerhalb einer Stunde hier erscheinen,
geht ihr Reiseantrag heute noch in Bearbeitung."
Sehr viele Menschen sitzen dort, 'Oh Gott, das wird aber dauern', denkt er noch, da wird er schon aufgerufen.
Es sind mehrere
Büros, in denen die Wartenden ihre Unterlagen abgeben können,
merkt er dann.
"So können Sie aber nicht reisen", die
Bearbeiterin weist auf seinen Gips.
"Ich habe morgen Arzttermin, da soll der Gips ab", lügt er und denkt 'mit meinem Hausarzt komme ich sicherlich klar'.
"Sie erhalten dann von uns Nachricht. Und denken Sie daran, mit dem Arm und Arbeitsunfähig geschrieben werden Sie auf keinen Fall fahren können!"
Sehr energisch
sagt die Beamtin das und Eberhard verliert jede Hoffnung.
Trotzdem fährt er zu seinem Leipziger Bruder, um zu hören, ob er
wohl auch eine amtsärztliche Bescheinigung bekommen hat. Doch es
ist niemand zu Hause. Er klingelt beim Nachbarn, lässt sich
Stift und Zettel geben und schreibt:
"Ich komme gerade von
der Passstelle, Heinz hat mir eine amtsärztliche Bescheinigung
über seine Erkrankung geschickt, nun muss ich warten, was
passiert. Meldet euch bei mir!"
Sie rufen am Abend noch an, sie haben keine Bescheinigung bekommen und sie glauben auch nicht, dass eine Genehmigung realistisch ist, denn er und der mecklenburgische Bruder seien sogenannte Nomenklaturkader. Das wüsste auch Heinz und daher hat er sich wohl nur an Eberhard gewendet.
Am nächsten Tag
geht Eberhard zum Arzt. Er schildert ihm die Situation und der
sagt:
"Daran soll es gewiss nicht scheitern, natürlich kann
der Gips ab, ich verschreibe Ihnen noch 3 Massagen, schreibe Sie
gesund und dann ab in den Westen."
Im gleichen Haus hat auch eine Physiotherapeutin ihre Praxis, mit der telefoniert der Doktor und Eberhard bekommt von ihr auch gleich 3 aufeinanderfolgende Termine.
Für den 3. Juni hat Eberhard eine Einladung zur Passstelle erhalten. In der Einladung steht, er solle seinen Wehrpass mitbringen. Zwischenzeitlich hat er erfahren, dass die Passbehörden eine Unbedenklichkeitsbescheinigung bei der Kaderabteilung angefordert hat und diese positiv ausgefallen sei. Seine Nachbarin hat ihm erzählt, dass der Abschnittsbevollmächtigte sich im Haus nach seinem Leumund erkundigt habe, sie wisse, dass alle Bewohner des Hauses ihm ein gutes Zeugnis ausstellten, Eberhards Hoffnung, nach Bellheim reisen zu können, steigt.
"Nicht genehmigt!" sind die meisten Worte, die er beim Warten auf seinen Aufruf hört. Nur vereinzelt kommt mal ein
"Ich darf fahren! "
![]() |
"Ihre Besuchsreise wurde genehmigt. Sie müssen jetzt noch Ihren Wehrpass beim Wehrkreiskommando hinterlegen und kommen dann mit der Bescheinigung wieder her und erhalten gegen Ihren Personalausweis den Reisepass!" In der Nacht vom 5. zum 6. Juni setzt sich Eberhard in den Zug nach Frankfurt am Main über Gerstungen. Er sagt es Niemanden, aber sein Entschluss steht fest, wenn er innerhalb der 10 Tage eine Arbeit bekommt, dann wird er nicht mehr nach Leipzig in die DDR zurückkehren. Erst als er sicher ist, dass der Zug nun auch tatsächlich im Westen ist, wird er genau diese Überlegung einer Mitreisenden sagen. Er ahnt nicht, dass diese Mitreisende eine Freundin eines Oberkellners seiner Arbeitsstelle ist. Sie wird es dem Oberkellner erzählen, aber es macht ja nichts mehr, denn Eberhard wird in der BRD bleiben. Im April 1990 kehrt er nach Leipzig zurück und wird als Dozent und Geschäftsführer am Aufbau einer privaten Bildungseinrichtung für kaufmännische Berufe mitwirken. |
Ende
Öffne eine neue Geschichte deiner Wahl über das Navigationsmenü